Welche Arbeitsmarkttrends prägen Europas Energiesektor?

13:00

Im europäischen Energiesektor ist die Nachfrage nach Fachkräften hoch, doch die Art dieser Nachfrage verändert sich. Erneuerbare Energien bleiben der größte Treiber des Beschäftigungswachstums, insbesondere in den Bereichen Solarenergie, Windenergie und Batteriespeicher. Gleichzeitig konzentriert sich das Recruiting zunehmend auf die Infrastruktur, die benötigt wird, um neue Anlagen an das Stromnetz anzuschließen und zuverlässig in das Energiesystem zu integrieren.

Verrentungswellen, Fachkräftemangel und veränderte technische Anforderungen verschärfen zudem den Wettbewerb um spezialisierte Fachkräfte. Unternehmen setzen deshalb verstärkt auf internationales Recruiting und suchen gezielt nach übertragbaren Kompetenzen in angrenzenden Branchen.


Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Personalbedarf verlagert sich von reinen Stromerzeugungsprojekten hin zu Übertragungsnetzen, Netzmodernisierung, Interkonnektoren und Energiespeichern. 
  • HVDC Engineers, Power Systems Engineers, Grid Connection Managers und BESS Specialists zählen zu den gefragtesten Fachkräften. 
  • Deutschland, Großbritannien, Polen, Irland und die Niederlande verzeichnen hohe Investitionen und eine entsprechend starke Recruiting-Aktivität. 
  • Fachkräftemangel, Verrentungswellen, Qualifikationslücken und begrenzte Weiterbildungsmöglichkeiten stellen Arbeitgeber vor große Herausforderungen. 
  • Internationales Recruiting und der Einsatz von Contractors spielen in der strategischen Personalplanung eine immer wichtigere Rolle. 

Europas langfristiges Ziel, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, prägt weiterhin die Investitionen im Energiesektor. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet voran, und Solar- sowie Windenergie werden voraussichtlich einen wachsenden Anteil der zukünftigen Stromerzeugung übernehmen. Die zentrale Herausforderung besteht inzwischen darin, diese Anlagen an Stromnetze anzuschließen und in Energiesysteme zu integrieren, die ursprünglich für einen völlig anderen Energiemix konzipiert wurden und häufig nicht auf große Mengen erneuerbaren und volatil erzeugten Stroms ausgelegt sind.

Netzausbau, Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ/HVDC), Interkonnektoren, Batterieenergiespeichersysteme (BESS) und die Infrastruktur für Rechenzentren stehen deshalb heute im Mittelpunkt des Recruitings im europäischen Energiesektor.

Branchenprognosen zufolge könnten die Energiewende und der Ausbau der Fertigungskapazitäten bis 2030 europaweit mehr als eine Million neue Arbeitsplätze schaffen. Allein im Energiesektor werden voraussichtlich weitere 250.000 Beschäftigte benötigt. Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte dürfte daher auf absehbare Zeit hoch bleiben.

Die wichtigsten Energieprojekte in Europa

Europas Projektpipeline zeigt deutlich, in welchen Bereichen der zukünftige Personalbedarf entstehen wird.

Tabelle der Energieprojekte in Europa

Erneuerbare Energien bleiben der größte Treiber des Beschäftigungswachstums 

1. Solar- und Windenergie

Erneuerbare Energien schaffen weiterhin mehr neue Arbeitsplätze als jeder andere Bereich des Energiesektors. Die Recruiting-Schwerpunkte verändern sich jedoch. Mit dem wachsenden Anlagenbestand verlagert sich der Personalbedarf zunehmend von Entwicklung und Bau hin zu Betrieb, Instandhaltung, Anlagenperformance und Systemoptimierung.

Das bedeutet keineswegs, dass sich der Ausbau erneuerbarer Energien verlangsamt. Europa steht weiterhin vor einer enormen Ausbauaufgabe. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission benötigt die EU bis 2030 rund 592 GW installierte Photovoltaikleistung und 510 GW Windenergieleistung, um ihre Klimaziele zu erreichen. Dafür sind jährliche Zubauraten erforderlich, die deutlich über dem bisherigen Niveau liegen - mit entsprechenden Auswirkungen auf den Fachkräftebedarf.

WindEurope prognostiziert, dass die Zahl der Beschäftigten in Europas Windenergiebranche von derzeit rund 443.000 auf mehr als 600.000 im Jahr 2030 steigen könnte. Offshore-Windenergie wird dabei einen wachsenden Anteil der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Besonders bei spezialisierten technischen Profilen wie Rotorblatttechnikern, Field Engineers und Fachkräften für die Vormontage bestehen jedoch weiterhin erhebliche Personalengpässe.

Auch die Solarenergie bleibt ein bedeutender Arbeitgeber. Der aktuelle EU Solar Jobs Report von SolarPower Europe weist für 2024 rund 865.000 Arbeitsplätze aus und prognostiziert bis 2029 mehr als 900.000. Mit dem wachsenden Anlagenbestand dürfte sich der Personalbedarf schrittweise in Richtung Betrieb und Instandhaltung verlagern.

2. Batterieenergiespeichersysteme (BESS)

BESS-Projekte sind inzwischen ein zentraler Bestandteil des europäischen Energiesektors. Besonders in Großbritannien, Deutschland, Italien, Spanien und Irland investieren Projektentwickler in zusätzliche Speicherkapazitäten. Diese sind entscheidend, um schwankende erneuerbare Stromerzeugung in das Energiesystem zu integrieren und die Netzstabilität zu sichern.

Die Nachfrage nach BESS Engineers, Battery Systems Engineers, Energy Storage Specialists, Grid Integration Engineers und SCADA-Fachkräften steigt entsprechend. Untersuchungen deuten darauf hin, dass BESS angesichts wachsender Projektpipelines in den kommenden Jahren zu den dynamischsten Recruiting-Segmenten des europäischen Energiesektors zählen wird.

Zitat zu Arbeitsplätzen in der Solar- und Windkraftbranche

3. Rechenzentren

Auch der Ausbau von Rechenzentren sorgt europaweit für einen steigenden Personalbedarf und erhöht gleichzeitig den Druck auf die Stromnetze. Das Wachstum von künstlicher Intelligenz und digitalen Dienstleistungen lässt die Prognosen für den zukünftigen Stromverbrauch in vielen europäischen Märkten steigen.

In Irland, den Niederlanden, Deutschland, den nordischen Ländern und Großbritannien fließen zunehmend Investitionen in Rechenzentren, die zuverlässige Netzanschlüsse, Umspannwerke, Notstromsysteme und Energiespeicher benötigen.

Dadurch entstehen neue Beschäftigungsmöglichkeiten für:

  • Electrical Design Engineers 
  • Critical Facilities Engineers 
  • Power Systems Engineers 
  • Grid Connection Managers 
  • Commissioning Managers 

Rechenzentren konkurrieren inzwischen direkt mit Projekten aus den Bereichen erneuerbare Energien und Stromübertragung um dieselben Fachkräfte.

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Der Fachkräftemangel im europäischen Energiesektor verschärft sich weiter

Trotz der zahlreichen Beschäftigungsmöglichkeiten bleibt es für Unternehmen schwierig, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden. Personalengpässe sind inzwischen in weiten Teilen Europas und nahezu im gesamten Energiesektor spürbar.

1. Immer mehr Fachkräfte erreichen das Rentenalter

Eine der größten Herausforderungen ist die alternde Belegschaft. Im Jahr 2021 war mehr als ein Drittel der Beschäftigten im Elektrizitätssektor zwischen 50 und 74 Jahre alt.

Gleichzeitig wird Europas Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich kontinuierlich schrumpfen. Dadurch stehen immer weniger Nachwuchskräfte zur Verfügung, um erfahrene Beschäftigte zu ersetzen, die die Branche verlassen. Einige Länder sind bereits heute auf internationale Zuwanderung angewiesen, um ihre verfügbaren Arbeitskräfte zu sichern - insbesondere in hoch qualifizierten technischen und ingenieurwissenschaftlichen Berufen.

Angebot für die Stilllegung im Stromsektor

Auch die Internationale Energieagentur weist auf zunehmende Engpässe im Recruiting hin. Mehr als die Hälfte der befragten Organisationen berichtete von Schwierigkeiten bei der Einstellung qualifizierter Fachkräfte.

In den Industrieländern kommen zudem auf jede Nachwuchskraft unter 25 Jahren, die neu in die Energiebranche eintritt, rund 2,4 Beschäftigte, die sich dem Rentenalter nähern.

2. Die Branche nutzt vielfältige Talentpools noch nicht ausreichend

Der Energiesektor muss stärker auf Talentgruppen zugehen, die bislang unterrepräsentiert sind. Das gilt insbesondere für Frauen: Sie stellen rund 40 % der Beschäftigten in der Solarbranche, aber lediglich etwa 21 % der Beschäftigten in der Windenergie.

Um die Diversität zu erhöhen, müssen Unternehmen stärker auf attraktive Arbeitsbedingungen, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und inklusive Arbeitsumfelder setzen. Nur so lassen sich Karrieren im Energiesektor für einen größeren Kreis von Fachkräften interessant gestalten.

Eine weitere Hürde ist das mangelnde Bewusstsein für die vorhandenen Karrierechancen. Trotz wachsender Investitionen in saubere Energien wissen viele junge Menschen nur wenig über die benötigten Kompetenzen und möglichen Berufswege.

In Großbritannien hat ein großer Teil der 16- bis 24-Jährigen nur eine unklare Vorstellung davon, was „Green Skills“ umfassen. Viele, die den Begriff „Green Jobs“ bereits gehört haben, können nicht erklären, welche Tätigkeiten und Berufsbilder sich dahinter verbergen.

Eine bessere Vermittlung der Karriere- und Ausbildungsmöglichkeiten wird entscheidend sein, um die nächste Generation von Fachkräften für den Energiesektor zu gewinnen.

Zitat zur Repräsentation von Frauen

3. Engpässe bei spezialisierten Fachkräften

In Europa fehlen Fachkräfte in Hunderten spezialisierter Berufsbilder. Besonders schwer zu besetzen sind viele Ausbildungs- und technische Fachberufe. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, neben der Rekrutierung von Hochschulabsolventen auch berufliche und technische Ausbildungswege auszubauen.

Hoch qualifizierte Ingenieure zählen zu den gefragtesten und am schwierigsten zu rekrutierenden Fachkräften. Der Mangel beschränkt sich jedoch nicht auf diese Positionen. Auch Elektrofachkräfte, Schweißer, Commissioning Engineers, Qualitätsfachkräfte und erfahrene Beschäftigte im Bauwesen sind bei Stromnetz- und Energieinfrastrukturprojekten schwer zu finden.

Allein in Großbritannien entfällt fast ein Viertel aller Stellenanzeigen im Bereich Clean Energy auf Ingenieurprofile. Ein Anteil, der weit über dem Durchschnitt des gesamten Arbeitsmarktes liegt.

4. Neue Technologien verändern die Kompetenzanforderungen

Digitale Umspannwerke, Automatisierung, künstliche Intelligenz, moderne Monitoring-Systeme und Smart-Grid-Technologien verändern die Qualifikationen, die im Energiesektor benötigt werden.

„Heute haben wir kein Technologieproblem. Wir haben ein Skalierungsproblem“, sagt Elias Pau, Head of Operations am InnoEnergy Skills Institute.

Untersuchungen der Europäischen Kommission zeigen, dass Digitalisierung und Automatisierung den Weiterbildungsbedarf sowohl in der Energieversorgung als auch in der industriellen Fertigung erhöhen. Selbst erfahrene Elektroingenieure und Anlagenbetreiber müssen ihre Kenntnisse kontinuierlich weiterentwickeln. Die Teilnahme an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen liegt jedoch weiterhin deutlich unter den europäischen Zielwerten.

Worauf sollten sich Arbeitgeber jetzt einstellen?

Die Nachfrage nach spezialisierten Fachkräften im europäischen Energiesektor wird auf absehbare Zeit hoch bleiben. Projekte im Bereich erneuerbare Energien werden weiterhin zahlreiche Arbeitsplätze schaffen. Ein großer Teil des zukünftigen Personalbedarfs dürfte jedoch auf die Infrastruktur entfallen, die benötigt wird, um neue Erzeugungsanlagen anzuschließen sowie Energie in komplexen Stromnetzen zu speichern und zu steuern.

Der Wettbewerb um erfahrene Ingenieure, technische Spezialisten und Projektfachkräfte wird intensiv bleiben. Um die erforderlichen Kompetenzen für die Umsetzung ihrer Projekte zu sichern, erweitern Arbeitgeber ihre Personalstrategien über klassische Recruiting-Kanäle hinaus. Dazu gehören die internationale Rekrutierung, die gezielte Ansprache unterrepräsentierter Talentgruppen und der Kompetenztransfer aus angrenzenden Branchen.

Fachkräfte aus der Öl- und Gasindustrie verfügen beispielsweise häufig über Kompetenzen, die sich auf Offshore-Windenergie und andere Energieinfrastrukturprojekte übertragen lassen. Dadurch können Unternehmen kurzfristige Personalengpässe gezielt schließen.

Internationales Recruiting dürfte in den kommenden Jahren ebenfalls weiter an Bedeutung gewinnen, da der demografische Wandel die europäischen Arbeitsmärkte zusätzlich verknappt. Deutschland benötigt Prognosen zufolge bis 2060 eine jährliche Nettozuwanderung von rund 400.000 Arbeitskräften, um die Erwerbsbevölkerung stabil zu halten. Dies verdeutlicht das Ausmaß der personellen Herausforderungen, vor denen viele europäische Volkswirtschaften stehen.

Unternehmen, die spezialisierte Fachkräfte frühzeitig gewinnen, internationale Recruiting-Strategien entwickeln und mit erfahrenen Personaldienstleistern zusammenarbeiten, sind besser aufgestellt, um ihre Projektanforderungen zu erfüllen und die Dynamik des europäischen Energiesektors für sich zu nutzen.

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